Klarmachen zum Ändern!

Archiv für September, 2009

Versuche einer Wahlanalyse - Teil 2 und Schluss

Wie bereits im ersten Teil der versuchten Wahlanalyse angesprochen, ist es zum einen interessant, den Ursachen für eine hohe Stimmenanzahl für Partei A, B oder C auf den Grund zu gehen. Zum anderen ist die Grenze zur Kaffeesatzleserei fließend. Aus den Ergebnissen der drei Großstädte Dresden, Leipzig und Chemnitz, die einwohnermäßig zusammen rund ein Drittel der stimmberechtigten Bevölkerung ausmachen, kann dieses und jenes aus den Stadtteilanalysen abgelesen werden. Unter anderen scheint – in Bezug auf die Piraten – zwei Trends zu zeigen: umso zentrumsnäher, desto höher die Stimmanteile. Wobei man dies jedoch wohl günstigerweise andersherum formuliert, da Großstädte nicht mehr nur ein Stadtzentrum haben, sondern ein ehemaliges Zentrum und mehrere Kleinzentren. Insofern: umso zentrumsferner, desto geringer die Stimmenanteile.

Wie bereits in der Danksagung angesprochen, macht Sachsen wesentlich mehr als seine drei Großstädte und da konnte personal-, zeit- und finanztechnisch bedingt nur ein „Wahlkampf auf Sparflamme“ durchgeführt werden, mit Hilfe des Internets sowie der Radio- und Fernsehspots. Dennoch möchte ich einen Stadtteil noch einmal näher beleuchten und mit diesem kurzen Einblick, der keine wirklich neuen Erkenntnisse liefern wird, soll dieser Versuch einer Analyse auch seinen Abschluss finden. Konkret geht es um den Dresdner Stadtteil Leipziger Vorstadt (Übersicht Homepage Stadt Dresden, Wikipedia-Artikel, siehe Graphik unten), wo die Piraten in fast jedem Wahlbezirk über 6% lagen, in einigen sogar im zweistelligen Bereich. Ähnliches gilt auch für die Äußere Neustadt und Friedrichstadt.

Piraten-"Hochburg" mit bis zu 13,9% - der Dresdner Stadtteil Leipziger Vorstadt

Piraten-"Hochburg" mit bis zu 13,9% - der Dresdner Stadtteil Leipziger Vorstadt

Allen drei Stadtteilen ist eine geringere Haushaltsgröße (1,5-1,7) gemein, was auf viele Single-Haushalte schließen lässt, jedoch keine Aussage über die Lebensweise der/desjenigen. Ebenso ist der Ledigen-Anteil recht hoch (wer hätte das gedacht ;) ) und das Durchschnittsalter geringer als im Stadtdurchschnitt, zwischen 13 und 8 Jahren darunter.

Um jetzt nicht gleich in das Denkschema „Piratenwähler sind männlich, zwischen 18 und 35, Single und deshalb auch gern und viel am Computer“ zu verfallen, welches prinzipiell nicht unberechtigt, doch genauso zutreffend wie beispielsweise „Alle CDU-Wähler glauben an Gott“ ist, würde ich die Frage mal rumdrehen, um die Sache etwas aktiver zu gestalten: wo können die Piraten noch zulegen? Was fehlt ihnen, um sich in der Bevölkerung noch stärker etablieren zu können?

Und auch da kommen wir wohl wieder zu den „üblichen Verdächtigen“ unter den Visionen. Stichpunktartig sehe ich es so:

  • die breite Masse vermisst eine breitere Themenanzahl, insbesondere den sozialen Bereich – der Deutsche wählt traditionsgemäß nach dem Thema „Arbeit“; Kompetenz spielt dabei keine wirkliche Rolle, Hauptsache die Ängste werden beruhigt
  • spätestens, wenn es an die Familienplanung geht (ca. 25.-40. Lebensjahr), denken Menschen häufig mehr in Sicherheitskategorien, ganz gleich, wie irrational diese auch sein mögen
  • wer Stress auf Arbeit hat, möchte sich nicht mehr als nötig mit den weniger angenehmen Seiten des Lebens beschäftigen, insofern schalten auch viele beim Thema „Überwachung“, eingeschränkte Bürgerrechte, Abbau der Demokratie ab, nicht zuletzt weil sie häufig noch gar nicht wissen, was für Rechte sie eigentlich haben und haben könn(t)en
  • m.E. erreicht man Neuwähler eher als Nicht(mehr)wähler, da diese aufgrund des Alters internetaffiner sind; ob der Zug bei den Nicht(mehr)wählern abgefahren ist, hängt davon ab, ob die Piraten wirklich neue Ansätze bieten können, oder ob es nach „Normalpartei reloaded“ aussieht … ich denke, dass diejenigen, die jetzt nicht mehr wählen, es sich dreimal überlegen, ob sie noch an Wahlen teilnehmen; sie haben eher den Glauben an dieses (Parteien)System verloren, ohne Wertung meinerseits, ob das nun gut oder schlecht ist

Diese Wahrnehmungen meinerseits sind zugegebenermaßen subjektiv und somit keinesfalls unbedingt richtig und schon gar nicht vollständig.

Fazit für die Zukunft:
Gesellschaftlich wachsen können die Piraten nur, wenn sie auf anderen Gebieten Kompetenzen zeigen. Das birgt zum einen die Gefahr der Zersplitterung, zum anderen die Möglichkeit bei anderen Parteien „anzudocken“. Sobald dies geschehen ist (es ist eigentlich schon geschehen, auch andersherum), wird sich zeigen, welche Konzepte mehr Resonanz finden, jene der etablierten Parteien oder jene der Piraten.

Alles Gute, Micha.

Wort halten kann ganz schön Nerven kosten

Da saß ich gerade auf dem Balkon, hörte Blondie’s „The Tide is high“ von einem gegenüberliegendem Haus herüber klingen und dachte ‚So, jetzt schreibt’s du besser gleich auf.’ Auch wenn die Elbe keine Gezeiten hat, hatte es sich stellenweise so angefühlt.

Es waren keine vier Stunden vergangen, nachdem ich meine Worthalte-Aktion an der Elbe hinter mich gebracht hatte. Die Aktion hieß „Elbedurchschwimmen“, die “Location”: Dresden’s wohl bekanntester Ort 2009, das Areal am Waldschlösschen. Meine Strecke war schätzungsweise 70-80 Meter Luftlinie lang, davon konnte ich etwa 20-30 Meter laufen. Blieben also zwischen 40 und 60 Metern, sagen wir mal 50 Meter. Zu diesen 50 Metern kamen nochmals rund 50 Meter Strömung dazu, würde ich meinen. Nach dem Satz des Pythagoras waren es rund 70 Meter … und das zweimal.

Ich war „pünktlich“ 16:03 Uhr (oder so) am Elbufer angekommen, vor und mit mir zwei Piraten … die Sonne lachte. Spitzenwetter sozusagen. Insgeheim hatte ich ja gehofft, dass keiner kommen würde, denn allein hätte ich das nicht gemacht. Wer schwimmt schon so als Spaß für sich allein durch die Elbe? Beweisen brauchte ich mir eigentlich auch nichts. Doch da war noch dieses imaginäre Wahlversprechen. Also, Sachen aus und los ging’s …

Etwas skeptischer, wenn auch sorgloser Blick ... was sind schon 50 Meter Schwimmen?

Noch sorgloser, wenn auch etwas skeptischer Blick ... was sind schon 50 Meter Schwimmen?

Das Wasser war gar nicht so kalt wie erwartet, doch warm war es auch nicht gerade. Die Hinstrecke erwies sich als recht einfach, doch die letzten Meter merkte ich eine geringfügige Erschöpfung. Ich war lange nicht mehr schwimmen gewesen, schon gar nicht in einem Fluss. Das andere Ufer erreichte ich verhältnismäßig zügig, hatte jedoch keine Ahnung, dass es um die 1:30 min gewesen war. Beim Schwimmen hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren.

Beim Reingehen ...

Beim Reingehen ...

Drüben angekommen warteten zwei Passanten und als ich ihnen erklären wollte, warum ich das mache, erwiderten sie, dass sie bereits in der Mailingliste der Piraten davon gelesen hatten. Für den Rückweg lief ich etwas elbaufwärts, um bei Einberechnung der Strömung wenigstens einigermaßen am Startpunkt wieder rauszukommen. Nach schätzungsweise fünf Minuten Pause ging’s wieder zurück. Dieses Mal startete ich schneller, merkte jedoch in der Mitte des Flusses, dass ich erheblich langsamer wurde. Ich hatte keine Ahnung, ob es besser war, einfach schneller oder länger zu ziehen, jedenfalls kam ein Punkt, an dem ich dachte, ich treibe wieder zurück in die Flussmitte. Eigentlich wollte ich nur noch ans Ufer und ich überlegte, ob ich mit Kraulen beginnen sollte, entschloss mich jedoch dann mal versuchsweise meinen Fuß auf den Boden zu bekommen. Und siehe da … die Wassertiefe war vielleicht noch 1,30 Meter. Geschafft.

Geschafft, aber ...

Geschafft, aber ...

.. glücklich

... glücklich

Ich glaube, ich war heilfroh und spüre die Anstrengung bzw. wohl vielmehr den Adrenalin-Ausstoß jetzt noch. Alles in allem Anlass für ein Fazit, das stichpunktartig so aussehen könnte:

  1. zweimal durch die Elbe zu schwimmen war eine Sache, über die ich froh bin, sie getan zu haben, doch ich würde es nicht häufiger tun wollen
  2. diese rund 3-4 Minuten im Elbwasser waren anstrengender als drei Monate Wahlkampf mit bzw. bei den Piraten und in Sachsen überhaupt … insofern kann ich das nur allen empfehlen, allerdings nur mit vorheriger Vorbereitung (ich hatte nahezu Null, doch eben auch nahezu Null Angst ;) ) und nicht allein
  3. ich werde mich in Zukunft mit Wahlversprechen zurückhalten – wohl gut, wenn man diese Lektion lernt, bevor man irgendwann in die „Verlegenheit“ einer Machtposition kommt ;)
  4. Presse war keine da, war jedoch auch nicht nötig … Fotos und Videos haben andere dankenswerterweise machen können und schreiben kann ich selbst ;)

Last but not least, möchte ich insbesondere den vier anwesenden Piraten bzw. Piraten-Sympathisanten (habe sie nicht nach ihren Parteibüchern gefragt ;) ) danken, dass sie mich unterstützt haben.

Achja, und ohne dass ich es wusste, kam ich zirka fünf Minuten vor „Leipzig“ ins Ziel … diesen Zweikampf hätte ich auch auf jeden Fall nicht gewonnen.

So weit, so gut … „Sport frei“ und allen alles Gute, Micha.

Die "Leipzig" mag zwar stärker sein, kam jedoch fünf Minuten nach mir ins Ziel ;)

Die "Leipzig" mag zwar stärker sein, kam jedoch fünf Minuten nach mir ins Ziel ;)

Piraten-Kandidat will Wort halten

Am 30.08.2009 hatte ich – so kurz vor Bekanntgabe der Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen 2009 – in einem Kommentar auf der Piraten-Sachsen-Homepage etwas spontan den Satz „Sollten die Piraten Sachsen unter 3% erhalten, schwimme ich am Waldschlösschenareal einmal durch Elbe - versprochen ;) geschrieben.

Bekanntlich erhielten die Piraten zwar in den Großstädten um die bzw. mehr als 3%, doch sachsenweit waren es 1,9%.

Insofern werde ich am Freitag, den 11.9.2009, um 16 Uhr mein Versprechen einlösen, damit es nicht heißt „Versprechen kommt wohl bei dir auch von ‚sich versprechen’?“

Eingeladen sind alle Piraten und Schaulustige sowie die Presse (PM in Arbeit).

Entgegen meiner Ansage werde ich jedoch nicht nur von einem Ufer zum anderen schwimmen, sondern auch wieder zurück … einfacher Grund: meine Klamotten werden noch dort liegen :)

Insofern freue ich mich auf morgen und wer möchte kann gern seine Kamera mitbringen.

Alles Gute und „Sport frei“, Michael Winkler

(ehem. Kandidat für die Piraten Sachsen bei der LTW 2009)

Pressemitteilung als PDF

Für Ortsunkundige ... so sieht das Waldschlösschenareal aus ... und ich schwimme sozusagen von links nach rechts und wieder zurück

Für Ortsunkundige ... so sieht das Waldschlösschenareal aus ... und ich schwimme sozusagen von links nach rechts und wieder zurück


Versuche einer Wahlanalyse - Teil 1

Beim Betrachten der auf der Homepage der Stadt Dresden aufgelisteten Daten der Landtagswahl 2009 stellte ich zwischendurch so fest: ‚Eigentlich bist du ja ein richtiger Überwachungsfreak.’

Aus der Kartographie kommend und schon während des Studium mit der Auswertung von Satellitenbilddaten beschäftigt, war mir der Begriff des „Monitoring“ nicht unbekannt. Unter „Monitoring“ versteht Wikipedia zum Beispiel einen „Überbegriff für alle Arten der unmittelbaren systematischen Erfassung, Beobachtung oder Überwachung eines Vorgangs oder Prozesses mittels technischer Hilfsmittel oder anderer Beobachtungssysteme.“

Bei diesen Gedankengängen wird man schnell bemerken, dass das Piraten-Thema „Transparenz“ im Grunde der siamesische Zwilling der „staatlichen Überwachung“ ist. Wenn man wissen will, worum es geht und Dinge verstehen möchte, kommt man um ein Monitoring, um eine Überwachung nicht umhin. Einzig und allein die Intention ist unterschiedlich … und da beginnen die wirklich interessanten Diskussionen und Gedankenaustausche.

Nun stand ich vor dem Problem, dass ich noch nie eine Wahlanalyse gemacht hatte, bestenfalls mal eine Überprüfung von Flächennutzungsentwicklungen. Man kann zum einen den deduktiven Weg, also vom Allgemeinen zum Besonderen gehen, doch das dürfte sich im Großen und Ganzen recht einfach machen lassen. Auf dem Lande sind die Piraten noch nicht wirklich bekannt, zudem haben es die Stadtpiraten nur in vereinzelten Fällen dorthin geschafft und die 0-2 Prozent haben dann Fernseh- und Radiowerbespots sowie das Internet gemacht. Freilich ist es noch etwas detaillierter beschreibbar, doch das soll es für diesen Weg zunächst erst einmal gewesen sein.

Interessanter erscheint mir der umkehrte, also induktive Weg, vom Speziellen zum Allgemeinen. Und da möchte ich vor allen Dingen einen Wahlbezirk hervorheben, den in Dresden befindlichen „Leipziger Vorstadt (Helgolandstr.) (14300)“. Dort hatten die Piraten mit 13,92% ihr prozentual wahrscheinlich höchstes Ergebnis in ganz Sachsen. In absoluten Zahlen ausgedrückt entsprachen die knapp 14% genau 99 Stimmen. Sie wurden damit hinter den Bündnis-Grünen (31,92%, 227), LINKE (16,60%, 118) und SPD (14,20%, 101) knapp Vierte. Die in Gesamt-Sachsen erfolgreichere CDU bekam hier 90 Stimmen, was 12,66% entsprach.

Nun stellt sich mir die Frage, was in einem Stadtbezirk mit 1561 Wahlstimmen, also schätzungsweise 1800-2000 Einwohnern (plus U18 und Nichtstimmberechtigte), und einer Wahlbeteiligung von 719 Personen (davon 711 gültige Stimmen, rund 46% Wahlbeteiligung), so abgegangen sein muss, dass die sachsenweit regierende Partei noch hinter einer völlig Newcomer-Partei mit vier politischen Nobodys als Kandidaten ins Ziel kommt.

Diese und andere Fragen sowie deren versuchsweise Beantwortung hebe ich mir für’s nächste Mal auf.

Alles Gute, Micha(el Winkler).