Versuche einer Wahlanalyse - Teil 2 und Schluss
Wie bereits im ersten Teil der versuchten Wahlanalyse angesprochen, ist es zum einen interessant, den Ursachen für eine hohe Stimmenanzahl für Partei A, B oder C auf den Grund zu gehen. Zum anderen ist die Grenze zur Kaffeesatzleserei fließend. Aus den Ergebnissen der drei Großstädte Dresden, Leipzig und Chemnitz, die einwohnermäßig zusammen rund ein Drittel der stimmberechtigten Bevölkerung ausmachen, kann dieses und jenes aus den Stadtteilanalysen abgelesen werden. Unter anderen scheint – in Bezug auf die Piraten – zwei Trends zu zeigen: umso zentrumsnäher, desto höher die Stimmanteile. Wobei man dies jedoch wohl günstigerweise andersherum formuliert, da Großstädte nicht mehr nur ein Stadtzentrum haben, sondern ein ehemaliges Zentrum und mehrere Kleinzentren. Insofern: umso zentrumsferner, desto geringer die Stimmenanteile.
Wie bereits in der Danksagung angesprochen, macht Sachsen wesentlich mehr als seine drei Großstädte und da konnte personal-, zeit- und finanztechnisch bedingt nur ein „Wahlkampf auf Sparflamme“ durchgeführt werden, mit Hilfe des Internets sowie der Radio- und Fernsehspots. Dennoch möchte ich einen Stadtteil noch einmal näher beleuchten und mit diesem kurzen Einblick, der keine wirklich neuen Erkenntnisse liefern wird, soll dieser Versuch einer Analyse auch seinen Abschluss finden. Konkret geht es um den Dresdner Stadtteil Leipziger Vorstadt (Übersicht Homepage Stadt Dresden, Wikipedia-Artikel, siehe Graphik unten), wo die Piraten in fast jedem Wahlbezirk über 6% lagen, in einigen sogar im zweistelligen Bereich. Ähnliches gilt auch für die Äußere Neustadt und Friedrichstadt.

Piraten-"Hochburg" mit bis zu 13,9% - der Dresdner Stadtteil Leipziger Vorstadt
Allen drei Stadtteilen ist eine geringere Haushaltsgröße (1,5-1,7) gemein, was auf viele Single-Haushalte schließen lässt, jedoch keine Aussage über die Lebensweise der/desjenigen. Ebenso ist der Ledigen-Anteil recht hoch (wer hätte das gedacht
) und das Durchschnittsalter geringer als im Stadtdurchschnitt, zwischen 13 und 8 Jahren darunter.
Um jetzt nicht gleich in das Denkschema „Piratenwähler sind männlich, zwischen 18 und 35, Single und deshalb auch gern und viel am Computer“ zu verfallen, welches prinzipiell nicht unberechtigt, doch genauso zutreffend wie beispielsweise „Alle CDU-Wähler glauben an Gott“ ist, würde ich die Frage mal rumdrehen, um die Sache etwas aktiver zu gestalten: wo können die Piraten noch zulegen? Was fehlt ihnen, um sich in der Bevölkerung noch stärker etablieren zu können?
Und auch da kommen wir wohl wieder zu den „üblichen Verdächtigen“ unter den Visionen. Stichpunktartig sehe ich es so:
- die breite Masse vermisst eine breitere Themenanzahl, insbesondere den sozialen Bereich – der Deutsche wählt traditionsgemäß nach dem Thema „Arbeit“; Kompetenz spielt dabei keine wirkliche Rolle, Hauptsache die Ängste werden beruhigt
- spätestens, wenn es an die Familienplanung geht (ca. 25.-40. Lebensjahr), denken Menschen häufig mehr in Sicherheitskategorien, ganz gleich, wie irrational diese auch sein mögen
- wer Stress auf Arbeit hat, möchte sich nicht mehr als nötig mit den weniger angenehmen Seiten des Lebens beschäftigen, insofern schalten auch viele beim Thema „Überwachung“, eingeschränkte Bürgerrechte, Abbau der Demokratie ab, nicht zuletzt weil sie häufig noch gar nicht wissen, was für Rechte sie eigentlich haben und haben könn(t)en
- m.E. erreicht man Neuwähler eher als Nicht(mehr)wähler, da diese aufgrund des Alters internetaffiner sind; ob der Zug bei den Nicht(mehr)wählern abgefahren ist, hängt davon ab, ob die Piraten wirklich neue Ansätze bieten können, oder ob es nach „Normalpartei reloaded“ aussieht … ich denke, dass diejenigen, die jetzt nicht mehr wählen, es sich dreimal überlegen, ob sie noch an Wahlen teilnehmen; sie haben eher den Glauben an dieses (Parteien)System verloren, ohne Wertung meinerseits, ob das nun gut oder schlecht ist
Diese Wahrnehmungen meinerseits sind zugegebenermaßen subjektiv und somit keinesfalls unbedingt richtig und schon gar nicht vollständig.
Fazit für die Zukunft:
Gesellschaftlich wachsen können die Piraten nur, wenn sie auf anderen Gebieten Kompetenzen zeigen. Das birgt zum einen die Gefahr der Zersplitterung, zum anderen die Möglichkeit bei anderen Parteien „anzudocken“. Sobald dies geschehen ist (es ist eigentlich schon geschehen, auch andersherum), wird sich zeigen, welche Konzepte mehr Resonanz finden, jene der etablierten Parteien oder jene der Piraten.
Alles Gute, Micha.










